Integrative Gestaltpädagogik nach Albert Höfer

Der folgende Beitrag, veröffentlicht in IRP Religionspädagogische Hefte 2004 (siehe Literaturhinweis), informiert in knapper Form über den Ansatz der christlichen Gestaltpädagogik, ihr Anliegen und ihren Weg. Für die ausführlichere Information in einem religionspädagogisch begründeten Kontext wird auf den Artikel „Als Mensch und als Christ in Schule und Religionsunterricht (be)stehn“ (IRP Heft S. 33 - 42). verwiesen. Siehe auch in Kurzfassung in Form eines Faltblattes.

Hans Schuh
Gestaltpädagogik – Leben – Christsein
Ansatz der integrativen Gestaltpädagogik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes.

Gestaltpädagogik ist im Verlauf der letzten zehn Jahre vor allem bei Religionslehrerinnen und Religionslehrern auf großes Interesse gestoßen. Nicht selten stehen dabei im Hintergrund Erwartungen wie Hilfe bei Disziplinschwierigkeiten und/oder für Methodenkompetenz zu finden. Nachstehend einige Hinweise dazu, was Gestaltpädagogik ausmacht, welche Hilfe man begründet von ihr erwarten kann und wer gestaltpädagogische Angebote anbietet.

Wer sich – als interessierter Gesprächspartner oder darüber hinaus als Begleiter – auf die konkrete Lebenssituation von Menschen einlässt, kommt mit seiner eigenen Person ins Spiel. Die Offenheit für die Nöte und Fragen des Gegenüber fordert das eigene Menschsein des Begleitenden heraus. Er wird dabei an seine eigene Not erinnert. Wer davor Angst hat oder leidvolle Ereignisse seines Lebens verdrängt hat, wird kaum hilfreich mit der Situation des Gegenübers umgehen können. Diese Form der Interdependenz der Biographien gilt nicht nur für Not und leidvolle Ereignisse. In jedem menschlichen Kontakt kommt der eigene Lebenshintergrund ins Spiel, schwingen unsere Lebenserfahrungen und Prägungen mit. Wenn ein Pädagoge oder Berater das ignoriert bzw. die biographisch begründeten Einflussfaktoren seines Verhaltens und seiner Reaktionen nicht kennt, kann das zu problematischen Rückkoppelungen in Form von Irritationen bei den Adressaten führen. Wer auf gelingende Kontakte (in Schule, Gemeinde, Familie, Beruf) Wert legt, tut gut daran, mit seinem „Ich“ und evtl. mit seinem „Über-Ich“ auf „Du-und-Du zu stehen“.

Wer „in Sachen Religion“ mit Menschen umgeht, muss sich auch dem speziellen Hintergrund seiner Glaubensgeschichte stellen. Nur wer seinen Glauben erlebt und erlitten und diese Erfahrungen verarbeitet hat, weiß wovon er redet. Wie sonst sollte man authentisch über Glauben und Religion reden können? Und oft sind es gerade die gebrochenen und holprigen Passagen in der Biographie, die den Glauben ehrlich und lebendig werden lassen – nicht zuletzt in den Augen der Schülerinnen und Schüler. Wer über den Glauben Rechenschaft geben will, sich selber und seinen Adressaten, muss sich mit seinem eigenen Weg, mit seinen Wurzeln und prägenden Ereignissen und Personen auseinandersetzen. Dieser Umgang mit der eigenen Person und Geschichte ist aber auch – unabhängig von einer Interaktion mit anderen – bedeutsam für eine reife Gestalt als Mensch und als Christ.

Vor diesem Hintergrund hat die christlich orientierte Gestaltpädagogik ihre Ziele und Arbeitsformen entwickelt. Diese Richtung der Gestaltpädagogik ist in den letzten Jahren vor allem im süddeutschen Raum in Form der sog. „Grundkurse“ nach Albert Höfer auf wachsendes Interesse gestoßen, nachdem diese Gestaltarbeit in Österreich bereits seit über 20 Jahren Fuß gefasst hat. Diese integrative Gestaltarbeit arbeitet nach folgenden Zielen und Grundsätzen (erstellt im IIGS von Albert Höfer, Katharina Steiner, Hans Neuhold u.a.):

Wir verstehen unsere gestaltpädagogische und pastorale Arbeit als eine ganzheitliche Menschenbildung. Sie integriert Geist und Leib, Gefühle und Gewissen, Individuum und Gemeinschaft, Bildungsinhalte und persönlich bedeutsames Lernen, Selbstverwirklichung und Gottverbundenheit zu einer „Gesamtgestalt“.
Wir bekennen uns zum christlichen Glauben und sind darum einem Menschenbild verpflichtet, das in der Bibel, der abendländischen Tradition und in den gegenwärtigen Humanwissenschaften begründet ist.
Das Ziel unserer Unternehmungen ist die Förderung der Persönlichkeit und ihres Glaubens sowie ihres beruflichen Könnens – die persönliche und die berufliche Kompetenz, die sich in Erziehung, Unterricht, Seelsorge und Erwachsenenbildung verwirklicht. Das bedeutet näherhin: Reifung und Entfaltung der Persönlichkeit, Förderung der Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft, Befähigung in sozialen Gebilden und Strukturen verantwortlich mitzuwirken.
Wir streben eine tiefe Selbsterkenntnis durch Übung und Erfahrung, Feedback und Reflexion an. Sie soll helfen, die uns anvertrauten Menschen besser zu verstehen, und ihnen dadurch gerechter zu werden.
Die Teilnehmenden unserer Kurse und Seminare verstehen sich selbst jeweils in der Rolle von Lernenden: sie erfahren an sich selbst, was sie dann anderen vermitteln wollen.
Unsere Kurse dienen der persönlichen Weiterentwicklung und beruflichen Fortbildung - sie sind keine Ausbildung zu einem neuen Beruf.
Das Menschenbild bzw. das zugrunde liegende Modell zwischenmenschlicher Kommunikation soll anhand des „Schichtenmodells“ erklärt werden. Die folgenden Überlegungen für Lernprozesse gelten m. E. darüber hinaus für jede persönliche Kommunikation und Beziehung. Personorientierte Lernprozesse erfordern nach Albert Höfer ein vielschichtiges ganzheitliches Lernen. In einem Modell der Schalen einer Zwiebel beschreibt er verschiedene „Schichten“, die beim Lernvorgang bei Lehrenden und Lernenden angesprochen werden (Vgl. die nähere Beschreibung des Modells bei Albert Höfer in: Heile unsere Liebe. Ein gestaltpädagogisches Lese- und Arbeitsbuch, München 1997, S. 26-33):

  1. Geistigkeit und Aufmerksamkeit – Wachbewusstsein;
  2. der Leib und die Gefühle;
  3. das soziale Feld;
  4. das Unbewusste;
  5. Existenz und Glaube.

Die Schichten stehen untereinander in Verbindung und durchdringen einander, so bei Schicht 1 und 2 der Geist und die Gefühle. Kaum strittig dürfte sein, dass bei jeder Kommunikation der soziale Kontext sowohl des Wahrnehmenden wie des Wahrgenommenen eine Rolle spielt. Ein Mensch wird auf dem Hintergrund seines sozialen Feldes verständlich: Klasse, Familie, Freundeskreis, weltanschauliche Großgruppe. In der Schicht des Unbewussten, auf dem Grund der Seele, ist z.B. abgelagert „als tiefstes geschichtliches Material“, wie in der Kindheit mit Grundbedürfnissen umgegangen wurde.

Ein solches Modell soll zum Ausdruck bringen, dass der Mensch ein vielschichtiges Wesen ist und dass es u. U. an Fahrlässigkeit grenzt, wenn man bei Lern- und Kommunikationsprozessen nur eine Dimension, z. B. das Wachbewusstsein beachtet und andere ausblendet. „Ein Gesetz des ganzheitlichen Lernens und vor allem Lehrens lautet: ‘Wie ich mir so ich dir’, das will besagen: Jene Schichten, die in mir selbst lebendig sind, miteinander kommunizieren und einander ihre Kräfte leihen, die kann ich auch bei meinen Schülern wahrnehmen und ansprechen, fördern und heilend beeinflussen. Was ich bei mir ausklammere oder abspalte, das nehme ich auch bei den Schülern weder wahr noch ernst. Die Arbeit des Lehrers an sich selbst ist zunächst der größte Dienst, den dieser an seinen Schülern tun kann. Wer selbst erstarrt, stört die Lernprozesse anderer.“ (Albert Höfer a.a.O. S. 32)