Lebendigkeit und Intimität
Gedanken eines Grundkurs-Cotrainers aus Baden-Württemberg (IGBW) zur Leiblichkeit in unseren Kursen und Ansichten eines Clowns

„Kein Symbol hat echtes Sein im Geiste, wenn es nicht echtes Sein im Leibe hat.“ (Martin Buber)

„Es ist eigentlich einfach den Körper zu sehen, dass wir den Leib, das Leben erkennen. Der Weg dorthin ist nicht weit, man kann gleich dort sein. Dann erst hat man das hier erkannt, dann erst bemerkt man, dass alles vom Anfang her, von der Hauptsache her, schon immer da war. Das wäre die schönste Überraschung. Wir werden uns dann die Augen ausreiben und denken, dass wir noch träumen. So schön, werden wir dann sagen, kann nur die Wahrheit, kann nur das Leben sein. Und der Weg unseres Lebens war ein Lohn, den wir gar nicht verdient haben. Weshalb waren wir immer so kleingläubig, so voller Kritik und voller Einwände? Dennoch wurden wir geliebt. Das ist die größte Überraschung, dass wir alles aus Gnade erhielten, ganz umsonst, vollkommen gratis…So zeigt sich die wahre Liebe. Und dazu ist doch diese Welt erschaffen, eine Welt zur Freude in der Ewigkeit.“

(Friedrich Weinreb, Leiblichkeit, S. 125)

Diese beiden Zitate von zwei gelehrten Juden begleiten mich schon länger bei meiner Selbstreflexion über die Körperarbeit oder besser die Leibarbeit. Ist doch der Leib so viel mehr als das Äußere. Was Ausdruck des Menschen und Kern der Persönlichkeit ist, lässt sich nicht trennen. Durch die Außenhaut hindurch bleibt das Persönliche erkennbar, drängt sich der Außenwelt auf. Das Hintergründige drängt in den Vordergrund. Es will gesehen, erkannt werden. Wir wollen nicht unpersönlich, sondern lebendig sein, bis ins Äußerste gerade auch unserer leibhaftigen Seite, die uns in den Kontakt (einen der Zentralbegriffe der Gestaltpsychologie) freisetzt. Was keine Realisierung in der Beziehung erfährt ist irgendwie nicht erkannt, nicht da. Die Kontaktseite ist dann das, was im Erkennen angesehen wird als eine vorher noch nicht realisierte Möglichkeit, als An-Erkennung. „Beim Kontakt transportieren wir etwas über unsere Selbstgrenze und wandeln es in eine Form um, die für unser Wachstum brauchbar ist.“ (Kepner, Körperprozesse, S. 236).

Was nicht durch den Leib hindurchgeht ist nicht recht spürbar und damit nur als Sehnsucht da, die einfach im Leib da sein will, damit sie in ihm endlich Befriedigung, Zufriedenheit, Befriedung erlebt. Lebendiger Frieden ist die Rückkehr in das, was vom Uranfang, von meiner Ursprünglichkeit in mir und in jedem ist: Leibhaftige Lebendigkeit und damit Begegnung.

Aus jüdischer Überzeugung lassen sich Leib und Seele nicht trennen, sie sind Einheit, sind eins. Wir sind oft in der Zwei, ent-zweit, zwei-felnd, gespalten, ungeklärt und unversöhnt in unserer inneren Sehnsucht nach Lebendigkeit, Lust und Dynamik (was griech. Möglichkeit bedeutet). Wir sind quasi auf der Suche nach dem einen ewigen Paradies, wo alles eins war, im Bauch unserer Mutter. Im Augenblick der Zeugung, in welchem Vater und Mutter verschmolzen im befruchteten Ei, als sie zuvor miteinander den „kleinen Tod“ (franz. „le petit mort“ = Orgasmus) erlebten.

Wirklich intime Begegnung ist in meinen Augen ein Engpass (Perls: „impasse“) unsicheren Sich-Anvertrauens, indem ich mich und meine Ängste überwinde und gewissermaßen durch die Leidenschaft hindurch selbst spüre und erlebe.

So sieht es der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David. In seinen beiden neu erschienen Büchern betont er wie wichtig es ist, mich in der Sexualität zu zeigen als der ich/die ich bin. Erst dadurch entsteht Intimität. „Adam erkannte Eva“ (Gen. 4,1) ist für ihn eine Art Aufforderung sich zu zeigen. Die meisten Paare haben nach Schnarch in der Sexualität und vor allem beim Höhepunkt der Sexualität ihre Augen geschlossen, damit kommt es nicht recht zum Kontakt und zur Begegnung. Wenn ich den andere/die andere mit offenen Augen sehe mache ich eher eine neue Erfahrung, die unter die Haut geht. Ich zeige mich und sehe den anderen, was aber Mut braucht. Ich könnte ja Ablehnung erfahren.

Es gilt etwas ersterben zu lassen in jeder intimen Begegnung: eine alte schon erlebte Gestalt. Vielleicht sprechen wir ja deswegen von Leidenschaft, in der etwas Neues in uns auferstehen kann. So wird etwas Neues vom Anderen in unsere Welt der Paarbeziehung geboren, so wie ein mögliches Kind. Danach ist Entspannung, Lösung, im Idealfall Friede, der danach erscheint wie eine zur Gestalt gewordene Ruhe.

Vertrauen in der sexuellen, aber auch in der tiefen persönlichen Begegnung ist und bleibt ein Wagnis, da wir alle auch Kränkungen erlebt haben. Und aufgrund unserer Kränkungen haben wir uns oft unsere Eigenheit, unsere Lebens-Lust, unsere Neugier auf uns selbst und andere, auf unsere Sexualität, auf unsere Fähigkeit, uns und andere mit Haut und Haar zu genießen abgewöhnt. Wir entwickelten und entwickeln dann einen starren Habitus, der uns – durch Introjekte verstärkt und erzeugt – lähmt und normal macht, der Norm entsprechen lässt. Normal heißt in der hebräischen Sprache „chole“, was krank bedeutet. Gesund ist einzig der „schöpferische“ Mensch, der aus dem Ursprung, seiner Lebens-Lust (seinem Ton und seinen eigenen Lebenstönen!) schöpft. Gesund ist wer weiß, dass das Ewige eines nicht kennt: Leibfeindlichkeit. Wir können im Gegenteil schöpfen aus dem Vertrauen in unser Selbst, das von Anfang her gut ist. Weshalb?

Adam bedeutet doch „ich gleiche“. Wir sind gleich wie Gott, wie also kann dann das Fleisch böse sein, dem Gott seinen Atem einhauchte. Fleisch heißt (hebr.) „basar“ und kann auch als Botschaft („besar“) übersetzt werden. Gott verschloss die Wunde des Adam nach der Trennung in Adam und Eva, die Stelle der Teilung mit Fleisch. Unser Leib ist eine Botschaft, wohl eine „gute Botschaft“ (Evangelium), damit alles wieder zusammen hinein in den Ursprung findet, damit wir unsere Ursprünglichkeit “schamlos“ leben können, wie einst im Paradies.

Diese Gedanken schrieb ich nieder nach dem 5. Grundkurs, in dem ich zusammen mit meiner Frau das Cotraining absolviere. Und von Kurs zu Kurs scheint es mir wichtiger zu werden meine religiösen Gedanken als etwas durch und durch Leibfreundliches zu betrachten. Es gilt auch für mich, selbst zurückzufinden in meine Ursprünglichkeit, Kindlichkeit und neugierige Lust und damit in meine Leiblichkeit.

Jeder sexuelle Akt ist für mich Ausdruck der Sehnsucht von Eins-Werdung, durch meine eigenen Ver-zwei-flungen hindurch.

Eine Teilnehmerin des Kurses (die ich gefragt habe, ob ich ihre Aussage für die Zeitschrift schreiben darf) formulierte am Ende des Kurses „Leibarbeit und Tonen“ einen Satz, der mich tief beeindruckt hat: „Alles was hier geschieht sind Möglichkeiten für mich! Schön mich hier schamlos zeigen zu können und so in den Mittelpunkt zu stellen.“

Schöner kann kaum ausgedrückt werden, worum es in der Leib-Arbeit und in unseren Kursen geht. Ich habe durch den Kurs der Leibarbeit hindurch sehr bewusst erfahren, welche Bedeutung der Leib hat. Durch das Tonen und das Formen haben sich die Teilnehmer vertrauend den anderen gezeigt, sinnhaft und vor allem sinnlich, als Mann und als Frau. Das Weibliche und Männliche wird in unseren Kursen zwangsläufig zum Thema, wenn die Ängste weichen und die Bewusstheit des Leibes nach oben drängt. Unsere Kurse sind eigentlich ein Sich-Herausschälen aus unseren Ängsten und ein Drang in die Möglichkeiten unserer je eigenen Freiheit.

Das morgendliche Tönen, das Singen, das Tanzen, das Skulptieren innerer Haltungen und Emotionen, das Malen, das Erzählen und Psalmen schreiben das Bibliodrama und szenische Erleben: All dies führt uns in den Leib, der Ausgangspunkt jeglichen Erlebens ist.

Und oft geht dieses Erleben unter die Haut, wodurch etwas in uns in Bewegung kommt, lebendig wird. Der Hirnforscher Gerald Hüther schreibt:

„Das Lernen funktioniert ja bei Kindern (wie bei Erwachsenen) immer dann am besten, wenn es ein bisschen ‚unter die Haut geht‘, wenn also die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden und all jene Botenstoffe vermehrt gebildet und freigesetzt werden, die das Knüpfen neuer Verbindungen zwischen den Nervenzellen fördern“. (Hüther, S. 164) Dafür so Hüther sei vor allem die „Atmosphäre“ wichtig und der „Kontakt“ zum Kind/zum Erwachsenen. Entscheidend für das Lernen ist z.B. beim Erzählen von Märchen die „emotionale Beziehung zum Inhalt“ (Hüther, S. 166).

Das Arbeiten mit dem Ton bei unserem letzten Kurs ging bei wohl allen TeilnehmerInnen sehr unter die Haut und es ist von Kurs zu Kurs spürbar und sichtbar für mich wie die TeilnehmerInnen sinnlicher erscheinen, weil sie offener werden und sich die Erlebnisse unter die Haut gehen lassen. Sie zeigen sich und ihre männliche und weibliche Energie ist da. In dem Maß, in dem Abspaltungen in das Ganze der Person integriert werden, verschwinden fast automatisch Verspannungen und durch Lebensängste und ausweichendes Verhalten entstandene Fehlhaltungen der Persönlichkeiten. Unser Hirn und unsere Persönlichkeit entwickeln neue Möglichkeiten und neue Freiheiten.

Und die Figuren, die die TeilnehmerInnen unseres Kurses erschufen waren Figuren der Sehnsucht nach Integration, nach erfüllender Weiblichkeit und Männlichkeit. Und ohne Sinnlichkeit ist Sinn nicht greifbar, weil er ohne Fleisch und Blut ist. So verstehe ich Martin Bubers Aussage vom „echten Sein im Leibe“.

Im Gottesdienst am Ende des Kurses versuchten wir dies ins Bild zu bringen.

Die Figuren standen auf einem Kreuz, dessen rote Mitte ein Licht und eine Blüte enthielt. Es sind Figuren, die den Weg in die Mitte suchen, aus dem alles strömt und in das alles hinein möchte: Mit ganzer Leidenschaft. Unsere Kurse wollen dazu ermutigen sich zu zeigen und begegnungsfähig zu werden in der Sexualität und in jeder Begegnung. Sexualität und Intimität brauchen einen lebendigen Leib und ein offenes Herz. Beides gehört zusammen. Dann fließt die Liebe: Gott sei Dank!

Literatur:
Kepner, J.I., Körperprozesse – ein gestalttherapeutischer Ansatz, Bergisch-Gladbach 2010.
Weinreb, F., Leiblichkeit – Unser Körper und seine Organe, Weiler i.A., 1987.
Weinreb, F., Schöpfung im Wort, Weiler i.A., 1994.
Schnarch, D., Die Psychologie sexueller Leidenschaft, Stuttgart, 2007.
Schnarch, D., Intimität und Verlangen, Stuttgart, 2011.
Hüther, G., Was wir sind und was wir sein können, Frankfurt 2013.

Ludger Hoffkamp, Cotrainer in Baden Württemberg, Pastoralreferent, Gestaltberater (IGBW) und Klinikclown in der Stiftung „Humor hilft heilen“ (E.v. Hirschhausen)